
„Auf halbem Weg des Menschenlebens fand / Ich mich in einen finstern Wald verschlagen“ — mit diesen Versen beginnt die berühmteste Reise der Weltliteratur. Die BüchnerBühne macht sich auf diesen Weg: In Wort, Klang und Bild führt die Multimedia-Lesung "Lasst alle Hoffnung fahren!“ in 12 Monaten durch alle drei Reiche von Dantes „Göttlicher Komödie“ — hinab durch die Trichter der Hölle, hinauf über den Berg der Läuterung, hinein in das Licht des Paradieses.
Das Weltgedicht
Kaum ein Werk hat das Gedächtnis Europas tiefer geprägt. In einhundert Gesängen und 14 233 Versen verschränkt Dante Alighieri zu Beginn des 14. Jahrhunderts das gesamte Wissen seiner Zeit — Theologie und Politik, Astronomie und Liebesdichtung — zu einer einzigen, schwindelerregend genauen Architektur. Er erfindet dafür die italienische Literatursprache und die Terzine, jene verschränkte Reimkette, die den Hörer wie ein Uhrwerk unwiderstehlich vorwärtszieht. Botticelli und Doré haben die Komödie gezeichnet, Rodin formte aus ihr sein Höllentor, Liszt und Tschaikowski komponierten sie; T. S. Eliot meinte, Dante und Shakespeare teilten die moderne Welt unter sich auf.
Und dabei ist dieses Weltgebäude das Werk eines Geflüchteten: Der Florentiner, in Abwesenheit zum Tode verurteilt, dichtet die vollkommene Ordnung des Kosmos, während seine eigene Welt in Parteikämpfen zerbricht.
Gelesen wird nach der Übersetzung von Karl Streckfuß, deren Terzinen aus der Goethezeit stammen (1824–1826; hier in der revidierten Fassung von 1876). Für das Projekt wurde der vollständige Text aller drei Cantiche neu ediert und durchgesehen — eine deutsche Komödie mit der Patina von zweihundert Jahren Dante-Begeisterung...
Von Dante zu Faust
Die deutsche Literatur besitzt ihr eigenes Menschheitsgedicht — und es ist mit Dantes Komödie enger verwandt, als man denkt. Beide Werke beginnen mit einem Mann in der Krise der Lebensmitte: Dante im finsteren Wald, Faust in der engen Studierstube, dem Abgrund näher als dem Leben. Beide brauchen einen Begleiter durch die Welt — dem heidnischen Dichter Virgil antwortet bei Goethe, ins Zwielicht gewendet, Mephistopheles. Und beide Wege enden, erstaunlich genug, am selben Ort: Die Schlussszene des „Faust II“ — Bergschluchten, heilige Anachoreten, die Mater Gloriosa — ist Goethes Paradiso. Gretchen tritt dort als „Una Poenitentium“ für Faust ein wie Beatrice für Dante; und „Das Ewig-Weibliche / Zieht uns hinan“ ist vielleicht die kürzeste deutsche Fassung von Dantes Schlussgedanken, der „Liebe, die beweget Sonn’ und Sterne“. Selbst Goethes Rettungsformel — „Wer immer strebend sich bemüht, / Den können wir erlösen“ — ist im Kern das Gesetz des Läuterungsberges, auf dem eine einzige Träne der Umkehr eine Seele dem Himmel gewinnt. Es fügt sich schön: In denselben Jahren, in denen Goethe die letzten Akte des „Faust“ vollendete, erschien Streckfuß’ Terzinen-Dante. Diese Lesung begegnet der Komödie darum auch als dem anderen deutschen Weltgedicht — als den älteren Bruder des „Faust“.
Warum heute?
Weil Dante von uns spricht. Von zerrissenen Gesellschaften: Sein Zornruf über das parteienzerfressene Italien — „Schiff ohne Steuer auf durchstürmten Meeren“ — klingt wie ein Kommentar zur Lage Europas. Vom Exil: Dante schrieb als Verbannter, der wusste, wie salzig fremdes Brot schmeckt und wie steil fremde Treppen sind — eine Erfahrung, die heute Millionen teilen. Von Selbstverantwortung: Wenn Marco Lombardo im beißenden Rauch des Zorns erklärt, weder Sterne noch Verhältnisse zwängen den Menschen — „In euch nur liegt der Grund“ —, dann ist das eine Absage an jeden bequemen Fatalismus, den astrologischen von damals wie den algorithmischen von heute. Und vom Prinzip Hoffnung: Das Fegefeuer, das Herzstück der Dichtung, ist der einzige Ort des Jenseits, an dem es Zeit gibt — Morgen, Abend, Arbeit an sich selbst. Kein Werk der Weltliteratur nimmt die Möglichkeit, ein anderer zu werden, ernster. Am Ende dieser Reise steht keine Apokalypse, sondern ein Satz von schwereloser Zuversicht: dass die Liebe es ist, die Sonne und Sterne bewegt.
Wir wollen gerne dran glauben.

Mélanie Linzer
Soraya Mezhere
Erich Schaffner
Christian Suhr
Kladderadatsch: Organ für und von Bummler / Sonntag, den 28. Mai 1848
Untertitel: "Dieses Blatt erscheint täglich mit Ausnahme der Wochentage"
Die Revolution in der Krise
Sieben Wochen nach den Barrikadenkämpfen zeigt sich: Die Euphorie ist verflogen. Die Nationalversammlungen in Berlin und Frankfurt debattieren, die Reaktion formiert sich, und der Kartätschenprinz Wilhelm kehrt aus dem Londoner Exil zurück.
Ausgabe Nr. 4 vom 28. Mai:
Satirischer Wochenkalender mit Hinrichtungen demokratischer Politiker - Briefwechsel der reaktionären Junker Knobelwitz & Schnobelwitz - Spott über das Parlament: Die Ministerbank wackelt - Lied auf die "alte Tante Voss“ (reaktionäre Vossische Zeitung).
Ausgabe Nr. 5 vom 4. Juni:
Der Preussen-Verein denunziert jeden Tag eine andere Zeitung beim Staatsanwalt - Rückkehr des Prinzen von Preussen aus London - Adresse der Berliner Ärzte (Satire) - Im Zweifel sind die Polen schuld.
Ausgabe Nr. 6 vom 11. Juni:
"Er kommt, Er kommt!" - Spott auf den Prinzen von Preußen - Gedenken an die 183 Märzgefallenen - Satirische Aufführung von Schillers Räubern mit Berliner Honoratioren - Kegelspiel-Allegorie auf den Sturz der Könige

mit:
Mélanie Linzer
Soraya Mezhere
Erich Schaffner
Christian Suhr
Die vier grossen Themen der Ausgaben Nr. 7–9
a) Das Ende des März-Ministeriums
Der Wochenkalender von Heft 7 (18. Juni) ist ein kleines Meisterwerk präziser Satire: Jeden Tag kauft sich ein Minister Reisezubehör. Ministerpräsident Camphausen Handschuhe, Arnim eine Mütze, Auerswald ein Kissen, von Patow einen Koffer. Der Subtext: Sie wissen alle, dass sie gehen müssen. Das März-Ministerium war von Anfang an eine Kompromissformation — liberal genug, um die Strassenbewegung zu beschwichtigen, konservativ genug, um den Hof nicht zu erschrecken. Nach drei Monaten ist klar, dass dieser Balanceakt gescheitert ist. Am 20. Juni 1848 — zwei Tage nach Erscheinen des Hefts — tritt Camphausen zurück.
Was folgt, ist nicht besser ...
b) Der Juniaufstand in Paris — Schockwelle durch Europa
Der China-Wochenkalender in Heft 9 (2. Juli) ist unmittelbar auf den Pariser Juniaufstand bezogen. Zwischen dem 23. und 26. Juni 1848 gehen in Paris 120.000 Arbeiter auf die Strassen — nicht für Wahlrecht oder Verfassung, sondern für das Recht auf Arbeit und ein menschenwürdiges Leben. General Cavaignac lässt auf sie schiessen. Ca. 3.000 Menschen sterben. 12.000 werden verhaftet.
Im Kladderadatsch erscheint das chiffriert: Der Kaiser von China gibt die Ostgrenzen frei (= der preussische König lässt die Reaktion gewähren), der chinesische Denunziantenverein baut den Barbaren Ehrenpforten (= der Preussen-Verein begrüsst die russische Interventionsdrohung). Aber das Berliner Publikum versteht: Paris hat gezeigt, wohin es führt, wenn man das soziale Versprechen der Revolution bricht.
c) Die Kosacken-Drohung — Russland als gegenrevolutionaere Macht
Russland war in diesen Wochen die grösste aussenpolitische Bedrohung der europaeischen Revolutionen. Zar Nikolaus I. hatte bereits angedeutet, notfalls militärisch zu intervenieren — wie später in Ungarn (August 1849). In Preussen kursierten Gerüchte, konservative Kreise würden eine russische Intervention herbeisehnen. Die „Kosacken-Adresse" in Heft 9 greift genau das auf: In scheinbar unterwürfigem Ton bittet der II. patriotische Verein die Russen um ihr Kommen — und entlarvt damit die volksfeindliche Haltung der Reaktion.
d) Friderike Patz und Wilhelm Tippel — der Krieg von unten
Mitten in die grosse Politik schalten die Hefte 8 (25. Juni) zwei Briefe: Friderike Patz aus Berlin an ihren Soldaten Wilhelm Tippel in Flensburg, und Tippels Antwort aus dem Lazarett. Die Texte sind im Berliner Dialekt verfasst, voller Rechtschreibfehler und unbeholfener Zärtlichkeit. Sie sind komisch — und gleichzeitig ernst. Tippel liegt verwundet im Bett, hat keinen Sold und kein Geld. Friderike hat ihre Stelle gekündigt, weil die Herrschaft schlecht über die Garde spricht. Beide haben wenig verstanden vom grossen politischen Geschehen um sie herum. Und beide sind mittendrin: in einem Krieg, den das März-Ministerium eingefädelt und dann nicht zu Ende gebracht hat...
Lorem ipsum dolor sit amet, consectetuer adipiscing elit.

Lorem ipsum dolor sit amet, elit Aenean commodo ligula eget.

Lorem ipsum dolor sit amet, elit Aenean commodo ligula eget.

Lorem ipsum dolor sit amet, elit Aenean commodo ligula eget.

Lorem ipsum dolor sit amet, elit Aenean commodo ligula eget.

Lorem ipsum dolor sit amet, elit Aenean commodo ligula eget.
Zeitzeuge Klaus Mann schreibt, dass "Millionen von unterernährten, korrumpierten, verzweifelt geilen, wütend vergnügungssüchtigen Männern und Frauen versuchen, sich durch ihre Exzesse in einer auf den Kopf gestellten Welt der Realität des Alltags zu entziehen.“
Dafür bietet die Stadt eine Menge exzellente Möglichkeiten, von der einfachen Kaschemme bis zur kristalllüsternen Edelbar.
Überhaupt ist Berlin 1920 die Stadt der jungen, lebenshungrigen Menschen: Ein Drittel der Bevölkerung ist unter 18 Jahre alt.
"Ich bin Babel, die Sünderin, das Ungeheuer unter den Städten. Sodom und Gomorra waren nicht halb so verderbt, nicht halb so elend wie ich! Nur hereinspaziert, meine Herrschaften, bei mir geht es hoch her, oder vielmehr, es geht alles drunter und drüber. Das Berliner Nachtleben, Junge-Junge, so was hat die Welt noch nicht gesehen! Früher mal hatten wir eine Armee, jetzt haben wir prima Perversitäten! Laster noch und noch! Kolossale Auswahl! Es tut sich was! Das muß man gesehen haben!“
Klaus Mann (Der Wendepunkt)
Gleich nach dem Ersten Weltkrieg gab es in Berlin zwei Künstlerlokale, das Café Größenwahn und das Maenz. An der Ecke Kurfürstendamm und Joachimsthaler Straße, im Zooviertel, sitzt in verqualmten Räumen die kulturelle Elite der Stadt und denkt, schreibt, spielt oder singt den „Neuen Weltgeist“ herbei. Dabei ist der „Kapp-Putsch“ - ein nationalistischer Umsturzversuch gegen die Weimarer Republik - erst ein paar Monate her. Die Uhr tickt, der Vulkan brodelt, der Tanz beginnt …



LEEHEIM. „Sommersalon" feiert auf der BüchnerBühne Premiere
Kommt ein Gesangsquartett zusammen, dann sollen sich vier verschiedene Stimmen zu einem Ganzen verbinden. Es sind aber zugleich verschiedene Persönlichkeiten, die aufeinandertreen, jede mit ihren Wünschen und Hoffnungen, Ängsten und Schwächen. Statt Harmonie gibt es schnell Missklänge, zumal wenn noch die Liebe ins Spiel kommt. In verschiedenen Konstellationen und Epochen kostet „Sommersalon“, das neue Stück der Büchnerbühne, diese Grundidee immer wieder anders aus. Am Freitagabend war Premiere.
Vordergründig sind es im Paris verschiedener Zeiten die musikalischen Geschmäcker, die aufeinanderprallen, auch unterschiedliche Vorstellungen vom ordentlichen Ablauf einer Gesangsprobe. Soll man 1890 ernsten Bach singen oder doch fröhlichen Rossini? Muss es 1943 in der besetzten Stadt wirklich die verkopftee Zwölftonmusik von Arnold Schönberg sein? Kann man 2020 zusammen Jazz üben, wenn man sich nicht mal über die Probenzeit einig ist?
Tatsächlich aber, so wird in der jeweils zweiten Szene deutlich, stehen dahinter unerfüllte Sehn- und Eifersüchte, die sich in den Streitereien Luft machen, schließlich aber das ganze Quartett sprengen wollen: Manche Mitglieder halten es mit den
verdrängten Wünschen und Leiden nicht mehr aus, fordern Klarheit auf Biegen oder Brechen. Manchmal ist da nach bester Boulevard-Manier jeder in jemand anderen unglücklich verliebt, türmen sich amouröse Missverständnisse übereinander.
Die Musik, die jede der Szenen abschließt, mal live gesungen und mal eingespielt, steht längst nicht immer für die Wiederherstellung der Harmonie, sondern kann auch die Spannung innerhalb des fragilen Aufbaus fühlbar machen.
Möchte man zur Pause davon ausgehen, dass alle drei Quartette nur noch auseinanderbrechen können, so fällt in der zweiten Hälfte des Stücks das Ergebnis zuweilen überraschend aus: Manchmal ging es doch weiter, vielleicht ganz anders als erwartet. In dem von Coline Serrau als Tragikomödie konzipierten Stück kann das Ende nie ganz freudig und auch nicht ganz traurig ausfallen. Ein Schenkelklopfer ist hier nicht beabsichtigt, eher herrscht das „Lächeln trotz allem“.
Man kann bei der dreifach verwickelten Geschichte an rainierte französische Filmkomödien denken, wie sie immer wieder das deutsche Publikum staunen lassen über die Leichtigkeit, mit der im Nachbarland auch schwierige Stoffe und Situationen charmant serviert werden. Die Büchnerbühne hat schon Erfahrung mit Serrau-Stücken, gelang doch mit „Hase Hase“ von der gleichen Autorin schon 2023 eine sehr erfolgreiche Darbietung.
Den Schauspielern verlangt das sehenswerte Stück einiges ab, denn sie müssen in rascher Folge in ganz verschiedene Charaktere schlüpfen: eben noch hysterische Zicke und jetzt schüchternes Mädchen, eben noch verliebter Jüngling und jetzt sarkastischer
Spötter. Christian Suhr (der auch Regie führt), Melanie Linzer, Lara Henneberger und
Alexander Valerius gelingt das und sie beeindrucken durch ihre vielfältige
Ausdruckskraft.
Seine stärksten Passagen hat das Stück, wenn sich in der Kriegs- und Nachkriegszeit die
Weltgeschichte in die Liebeshändel einmischt und plötzlich ganz andere Dinge als die
persönlichen Eitelkeiten wichtig werden.
09.06.24 René Granacher, DARMSTÄDTER ECHO